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Erfahrungen nach einem Jahr Bordleben

Teil 2: Persönliches, Erfahrungen Bordleben

Wie ist das denn so, das Leben auf einem Schiff? Wir sagen es Euch, in unserem Teil 2 unseres Rückblicks, dem menschelndem Teil. Vorwarnung: es wird länger als üblich. Erfahrungen Bordleben

 

Was für ein Jahr

Wir liegen in der Marina Port Louis in Grenada und blicken zurück auf unser erstes Jahr auf der Rivercafe. Ein kompliziertes Jahr und anders als gedacht. Und dafür gab es einige Gründe:

Ka und ich waren nach vier Jahren Pause noch nicht segelklar. Das Schiff war nicht segelklar. Und dann noch die Pandemie. Das Seglersozialleben viel quasi ins Wasser. Und die Routenplanung verdarb schneller als Fisch in der Sonne. Alles bereitet für ein Debakel.

Es wurde zum Glück kein Debakel. Jetzt nach einem Jahr, sind wir ein gutes Stück weiter. Das Schiff segelt meistens dorthin, wohin wir es haben wollen. Wir fühlen uns wohl an Bord und die Upgrades und Änderungen sind eine Wohltat. Die Rivercafe ist jetzt endlich unser Schiff.

Zum Rest, schreiben wir heute dual: Erfahrungen Bordleben

Die Natur Erfahrungen Bordleben

Der „Master of my Soul“ auf einem Schiff ist die Natur. Sie bestimmt alles. Den Tag, das Wohlbefinden und die Laune, die Planungen, die Tätigkeiten und sogar den Jahresverlauf. Unser Jahr hier in der Karibik beginnt im November und endet im Juli. Dann startet die Hurrikan Saison und wir suchen einen sicheren Hafen.

Ka:

Über die Natur – dazu bin ich fest entschlossen – werde ich nichts Schlechtes sagen. Der Klimawandel ist spürbar. Klar. Aber noch können wir atmen, schwimmen und haben sauberes Wasser. Das Grün um mich herum lässt mein Herz höher schlagen. Bäume mit flammend roten Blüten, mächtig und hellgrün. Sogar ein Pärchen Iguanas, die hier im Hafen leben, sind grüner als jedes Grün meines Farbkastens. Die Wärme, die Luft, das klare Wasser. Das alles macht mich jeden Tag reicher. Und jeden Tag denke ich, hoffentlich können Hannah und Henri die Welt auch so bunt erleben wie wir.

Holger:

Flora und Fauna sind erste Sahne. Aber auch was Wetter zählt zur Natur. Und da muss man leider nehmen was kommt. Manchmal toll, manchmal extrem untoll. Nicht leicht für mich, wenn es nicht nach meiner Nase läuft. Es stresst, wenn nachts der Wind kräftig an der Ankerkette zerrt. Das gibt dann wenig Schlaf und einen müden nächsten Tag. Aber die normalwind Tage, die sanften Nächte mit leichtem Lüftchen, klarem Sternehimmel und gluckernden Wasser – das sind die Höhepunkte des Lebens. Die machen alles Untolle wieder vergessen.

 

ein Jahr Iguana

Links: Muskatnuss, rechts: Iguana

 

Das Tempo

Hier läuft die Zeit anders. Zeit ist hier keine Währung. Planen geht in diesem Teil der Welt nicht. Eher in Betracht ziehen. Mal schnell was klären? Nope. Oder mal zügig im Geschäft schnell was kaufen? Nada. Erfahrungen Bordleben

Ka:

Langsamkeit – habe ich mir so lange gewünscht. Jetzt könnte sie da sein. Ist aber nicht so. Ja die Welt um uns herum ist langsam. Es ist heiß hier, da bewegt sich keiner schnell und das schnelle Denken ist auch nicht überall etabliert. Eigentlich habe ich mir weniger Langsamkeit als Ruhe gewünscht. Die Ruhe, alles langsam machen zu können. Langsam ein neues Klavierstück zu lernen, langsam zeichnen und lange und gründlich über meine ganz persönlichen Fragen des Lebens nachzudenken. Ich übe noch.

Holger:

Das ist meine Buße für meine lebenslange Ungeduld. Wie oft ich schon den Stempelfritzen hinter dem Schreibtisch an die Gurgel springen wollte – ich kann es nicht zählen. Einen Pass zu stempeln, kann schon mal drei Stunden dauern. Den Blättern beim Wedeln zuzuschauen, dass muss ich noch lernen. Aber ich erkenne Fortschritte, meine Mordgelüste nehmen langsam ab. Andererseits habe hier auch noch nie von einem Herzinfarkt oder Burnout gehört. Ich brauche noch das ein odere Hommmm, bis ich im Flow bin.

pool

links: Marina bei Nacht (ab 19.00 h 🙂 ), rechts: der Marina Pool

Der Alltag

Wir haben drei Arten von Alltag: Segeltage, Tage vor Anker, Tage in einer Marina. Schiff und die Crew zu versorgen, ist viel mehr Aufwand als an Land. Und man muss vorausschauender planen, z. B. die Verfügbarkeit von Proviant oder Internet, je nach Ort. Schiffspflege, Routenplanung und Wetterplanung kosten viel Zeit. Dazu haben wir noch einen festen Teil unseres Alltags für Arbeit eingeplant: für Kunden, schreiben oder unsere Blogarbeit. Oder das, was jeder von uns noch so macht. Der Rest: Inseln besuchen, schwimmen, Sport, Sozialkontakte.

Ka:

Naja, Alltag ist etwas ganz anderes. Den Klassischen gibt es nicht mehr. Jetzt gerade im Hafen, wo wir warten endlich wieder los zu segeln, ist Alltag vielleicht machbar. Aber während des Segelns, keine Spur. Mal liegen wir vor Anker oder an einem Mooringball und ich schwimme ums Schiff herum, esse, schreibe, zeichne. Meine liebsten Tätigkeiten und die neu dazu gekommenen (wie Apnoe Tauchen) nehmen so viel Zeit ein, dass ich gerne 4 weitere Stunden am Tag füllen könnte. Also Langeweile gehört jedenfalls nicht zu meinen Beschäftigungen. Wenn ich wieder an Land lebe, das habe ich mir fest vorgenommen, werde ich WOHNEN zu meinem Hobby erklären.

Ein paar Tätigkeiten erinnern mich allerdings verdammt an Alltag: Waschen, putzen, kochen, Betten beziehen, das Schiff pflegen, Software auf den neusten Stand zu bringen. Das, ja das fühlt sich dann nach Alltag an.

Holger:

Ich bin morgens meist gegen 6.00 h an Deck, trinke meinen ersten Kaffee zum Sonnenaufgang. Der Tagesbeginn ist für mich die schönste Zeit des Tages. Es ist sonnig und warm, tropische Morgenstimmung. Meist ein Sprung ins Wasser und dann ans Tagewerk .

Das Schiff gibt viele Routinen vor, Wartung, Pflege, Ressourcen – das belegt einen ordentlichen Zeitraum. Richtig viel mehr Zeit als im Landleben, kostet unsere Versorgung mit Speis´ und Trank. Gute Versorgungsquellen zu finden dauert immer ein paar Tage. In den Supermärkten hier gibt’s zu viel amerikanisches Futter, ein Schreck für verwöhnte Europäer. Gemüse und Obst sind der Knaller und vieles für uns unbekannter Art.

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(Die Lieferung im Foto kostete uns 10 Euro –  Ausnahmsweise sehr günstig, denn sonst ist alles sehr teuer).

pool

Das Klima ist mein Traum, jeden Tag um die 30 Grad, nachts selten unter 25. Genau das Richtige, für ein Leben in Shorts.

 

Aktivitäten

Ka:

Ich bin 57 Jahre alt und meine Hobby sind: Schwimmen, Schnorcheln, Tauchen, Illustrieren, Klavier spielen, mir die Welt ansehen, mich wundern und lesen 😉 Manchmal schaffe ich es meine Arbeiten in https://www.behance.net/KARINBINZ oder hier https://www.myyachtbranding.com zu sichern.

Holger:

Es ist, als ob man alle paar Wochen in einen neuen Ort einzieht. Wenn man sich eingewöhnt hat, geht’s weiter. Das zu erleben und darüber zu berichten, ist gerade eine Hauptaktivität. Die andere ist, uns zwischen der Pandemie zu navigieren und zu wissen, wie und wo wir einreisen dürfen. Und was das Schiff an Zeit übrig lässt, geht für alles im und unter Wasser drauf und für die Zeit mit Segelfreunden.

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Freunde

Das Sozialleben ist anders, als an Land. Der Statuscheck fällt komplett aus. Man mag sich – oder nicht. Nach einer Zeit segelt jeder seiner Wege und irgendwann trifft man sich wieder. Erfahrungen Bordleben

Ka:

An alle Euch da draußen: Ich vermisse Euch. Am meisten meine Enkel, mit denen ich ca. einmal in der Woche Skypen kann. Jil und meine Mama und den ganzen Rest der Familie und meine Freunde. Was ich genau vermisse: „Hallo, bist du zuhause, ich komme gleich mal vorbei …“

Holger:

Das Segler-Sozialleben passt gut zu mir. Wir treffen immer wieder gute Leute aus verschiedenen Ländern und haben tolle Gespräche. Es ist einfach: wenn man sich mag, trinkt oder isst man gemeinsam, unternimmt was. Wenn nicht, geht man seiner Wege. Egal ob Local oder Segler. Es gibt kein Gewese, kein Gedöns.

 

Erwartungen erfüllt?

Ka: Erfahrungen Bordleben

Es war ein unfassbar aufregendes Jahr. Eine schöne, aber viel zu aufregende Überfahrt, Wassermangel, Blackout, gefährliche Manöver, wildes Wetter, Flauten und eine höchst komplizierte Konstellation der Crew. Und dann Corona. Inseln, die man nicht anlaufen konnte, geschlossene Restaurants und Geschäfte, Menschen, denen dieses klitzekleine Virus die Existenzgrundlage raubt. Erwartungen waren in diesem Jahr einfach Zeitverschwendung. Ich freue mich auf die anstehende Saison und lese mit Begeisterung wenn mal wieder 20 Leute geimpft werden konnten.

Ob meine Erwartungen erfüllt werden, kann ich erst sagen, wenn diese Reise ganz beendet ist.

Holger:

Tja, also….. Ich wusste, welcher Lifestyle uns erwartet, in normalen Zeiten. Das Jahr war für uns sehr beschwerlich, kompliziert und oft frustrierend, wie für alle Menschen. Dazu kamen dann noch einige schlechte Entscheidungen zu Beginn. Weniger technische Probleme wären auch eine tolle Sache gewesen. Und das Wetter war eine unerwartet große Herausforderung. Viel Gelegenheit viel zu lernen.

Immerhin sind wir jetzt „drüben“ und für mich fängt die Reise mit der neuen Saison jetzt erst richtig an. Vieles wird hoffentlich einfacher und rationaler. Mir genügt es völlig, wenn nur das Wetter unsere Grenzen setzt.

 

Und sonst:

Ka:

Die Luft spürt sich warm auf der Haut an. Heute Abend trinke ich ein Glas Champagner, wie jeden Samstagabend. Die Sonne wird leuchtend rot untergehen. Grillen zirpen und ich springe ins Wasser und lasse mich treiben. Und sonst geht es mir gut.

Holger:

Die Lebens-Amplitude ist auf dem Meer größer. Höherer Ausschlag nach oben und unten. Ich fühle mich lebendiger. Auch wenn ich öfter fluche. Oder mich manchmal frage, warum wir uns den Mist antun. Am nächsten Tag passiert etwas Wunderbares und dann ist die Frage überzeugend beantwortet.

Alles ist intensiver. Es gibt tatsächlich Gefahren, die über das Überqueren eines Zebrastreifens hinausgehen. Jede Entscheidung hat echte Konsequenzen und Unaufmerksamkeiten können ernste Folgen haben. Wir haben das Vollkasko Leben verlassen. Das hier ist echt, ohne Reset oder Pause Taste.

Kein Tag ist selbstverständlich. Aber es ist eine richtig coole Art zu leben. /Karin und Holger Binz

9 Kommentare zu „Erfahrungen nach einem Jahr Bordleben“

  1. Liebe Karin, lieber Holger,
    Ich mag eure Berichte total! Freu mich jedes mal aufs Neue über den nächsten Post…
    Ich bin immer hin und hergerissen zwischen den Gefühlen – zum Glück sind wir nicht los gesegelt und schade, dass ich noch hier zuhause auf meiner Couch sitze… ihr wisst sicher was ich meine 😉 alles Gute euch für die nächste Saison! Liebe Grüße Vroni 🤗

  2. Bonjour mes amis,

    Il est 8h33 à Luxembourg et il fait gris.

    Danke für diesen Post wie sehr ehrlich war, schön wenn ihr beide zusammen schreibt.
    Das Leben ist so …. up and down …. Auf Wasser oder Auf Erde ….

    Merci vous me manquez aussi

    Biz

  3. Eigentlich kann es garnicht lang genug sein…… so viel zu Eurer Einleitung.
    Es liest sich wieder spannend und ehrlich. Mich hat der Satz; wir haben das Vollkaskoleben verlassen! Am meisten beeindruckt. Das ist es was wahrscheinlich unglaublich viele Leute sich wünschen, aber nicht den Mut haben es zu tun.
    Toll das ihr das macht und uns immer wieder Teilhaben lasst.

    Liebe Grüße noch aus Florida
    Jürgen und Angelika

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