Ankern
Persönliches

Ankern mitten auf dem Atlantik

Vom ankern mitten auf dem Atlantik und sinnlosen Gesprächen

Wenn ich Lust habe ein nutzloses Gespräch zu führen, erzähle ich einem Landmenschen, dass ich ab dem nächsten Jahr um die Welt segeln werde. Die Wirkung ist ähnlich und unterscheidet sich nur in Nuancen.

Zuerst gibt’s einen mitleidigen und verständnislosen Blick, so als ob ich einen seltenen Sprachfehler hätte. Wenn ich den Satz dann wiederhole, driftet der Blick ins leicht Genervte: was soll das jetzt? Pause. Wenn die Botschaft dann langsam durchgedrungen ist, wird’s meist verständnislos. Hä? Na klar, um die Welt im nächsten Jahr. Noch eine Pause. Ach ja, ich hab` gesehen man kann in drei Monaten mit einem Kreuzfahrtschiff um die Welt oder mit Flugreisen – das ist cool, machst Du sowas? Nein, wir reisen mit unserem Segelschiff, umweltfreundlich. Lange Pause. Habt ihr denn einen Segelschein? (Das ist die wichtigste Standardfrage des subordinierten, ordnungsliebenden und berufstätigen Landmenschen). Klar. Wie lange seid ihr unterwegs? Viele Jahre, so um die 10. Was, 10 Jahre, aber dann müsst ihr ja weg aus Luxembourg? Yep. Ganz Alleine? Ja. Wer organisiert das denn für Euch? (Das ist eine gute Chance das Gespräch zu beenden). Ein Reisebüro. Sowas macht ein Reisebüro? Nein, natürlich nicht. Das ist Abenteuer, kein Pauschalurlaub. Aber das sind doch riesige Strecken. Ja, manchmal werden wir wochenlang kein Land sehen.

Und was macht ihr nachts, ankern? Klar, wir ankern mitten auf dem Ozean. Bei 4.000 m Wassertiefe werfen wir 12.000 m Kette ins Wasser. Echt? Nein. Wir segeln tags und nachts. Aber das ist doch gefährlich! Feinstaub ist auch gefährlich oder zu verblöden. Und euer Haus? Ich komme jeden Freitag zurück um den Briefkasten zu leeren. Wirklich? Nein. Vermietet ihr dann euer Haus? 10 Jahre lang? Nein, wir verkaufen. Aber dann habt ihr kein Haus mehr? Stimmt, brauchen wir dann auch nicht mehr. Ihr lebt dann auf dem Schiff? Ja, haben wir ja schon mal ein Jahr und es war großartig. Ist das nicht zu eng? Nein, wir werden viel Platz haben und alles was wir brauchen. Außerdem haben wir den größten Außenpool der Welt.

Aber warum so lange? Wenn du jeden Tag eine der 100.000 Inseln der Welt besuchen würdest, wärst du 273 Jahre unterwegs. Und woher wisst ihr wohin ihr segeln müsst? Sagt dir der Papagei auf der Schulter. Sag mal im Ernst. Navigation ist der Alltag eines Seglers und bisher sind wir immer angekommen, wie du siehst. Und was ist mit Piraten? Mögen wir nicht, versuchen wir zu vermeiden. Und wenn nicht? Dann braucht`s eine Heldentat. Und wenn was kaputt geht? Dann sitzen wir in der Ecke und weinen. ????? Nein, wir reparieren. Einen ADAC oder ACL gibt’s nicht auf dem Ozean. Aber was macht ihr im Sturm? Wir verfluchen losgesegelt zu sein. Und? Sturm ist richtig doof, geht aber vorbei. Und Wellen? Sind auch doof, aber auf einem Katamaran besser zu ertragen als im Mono. Könnt ihr was kochen auf dem Schiff? Klar, wir haben Herd, Backofen, Grill, Kühlschrank, Kühltruhe. Wie in einem Haus. Und ein Bad? Sogar drei und du glaubst es nicht: richtige Betten.

Was ist mit Familie und Freunden? Die werden wir vermissen. Ab und zu skypen wir und sie kommen uns hoffentlich besuchen. Schöner kommt man eh nicht in die Karibik oder auf die Bahamas. Habt ihr auch genug zum Essen dabei? Will ich hoffen. Ein Geheimnis: man kann in allen Ländern Nahrung kaufen. Und wir fischen. Und wenn ihr krank werdet? Das Leben in der Natur ist viel gesünder als an Land, du wirst sehr selten krank. Habt ihr denn keine Angst? Nein, aber Respekt. Aber ihr wisst doch gar nicht was alles passieren wird? Ja, ist das nicht toll?

Dann gibt’s meist noch ein, zwei Fragen zum Geld und anschließend wieder eine kleine Pause. 9 von 10 Leuten sagen dann: wow, ihr macht das richtig.

Und dann bemerke ich, dass das Gespräch doch nicht so sinnlos war.

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