Rivercafe

St. Barth

Wie der Ukraine Krieg St. Barth verändert

Wir sind ein letztes Mal in Gustavia gelandet, der Hauptstadt von St. Barth. Ankern ist nie nett hier, dafür ist es im Ankerfeld zu voll und erst recht zu ungeschützt vor Wind und Wellen. Der Hafen ist normalerweise immer belegt mit Superyachten und großen Seglern.

Ungemütlicher aber schöner Liegeplatz Port Gustavia

Bei diesem letzten Besuch der Saison, haben wir einfach mal den Hafen von Gustavia angefunkt und tatsächlich einen Platz am Pier mitten in der Stadt bekommen. Unser Platz lag gegenüber den Boutiquen von Dior, Chopard und Bulgari, was ich besonders witzig fand, wenn wir unsere Wäsche zum trocken über die Reling hingen.

Abgesehen von der spektakulären Lage, ist es ist der übelste Liegeplatz in einem sogenannten Hafen, den wir je hatten. Der Schwell ist enorm und Windschutz gibt es keinen. Dazu koffern reichlich rücksichtlose Dinghis mit Speed in den Hafen und machen es mit ihrer Heckwelle noch ungastlicher. Und das mit Anker ausgebracht, rückwärts am Steinpier. Ich habe uns beim Yachtausstatter extra größere Festmacherleinen gekauft, damit die Rivercafe nicht zu sehr leidet. Denn das Mädel (Schiffe sind immer weiblich), tanzt und hüpft Tag und Nacht. Aber es ist supercool, mal mitten in einer Stadt zu liegen. Das genießen wir.

Zur Wiedergutmachung sind die Liegeplätze sehr günstig, Gustavia ist der billigste „Hafen“ auf unserer Reise. Hätten wir nicht erwartet. Wir sind auch rechtzeitig zum „St. Barth Film Festival“ gekommen. Das ist noch nicht ganz auf der Höhe von Cannes, aber es hat was, auf dem Pier vor der Kulisse der Schiffe im Hafen open Air Filme zu sehen. 50 m entfernt von unserem Schiff. In vielen Bars gibts live Musik. Uns geht’s also gerade richtig gut. Wir haben viel Zeit mit den Locals zu quatschen und viel kennen zu lernen.

Superyachtrevier ohne Superyachten

Das wir hier einen Platz bekommen haben liegt zum einen an der soeben begonnen Nachsaison. Und zum anderen am Krieg Russlands in der Ukraine. Normalerweise lichtet sich das Feld der Yachten um diese Jahreszeit, weil sich die Motoryachten und großen Segler wieder auf den Weg nach Europa machen. Von „lichten“ kann man in diesem Jahr aber kaum sprechen, denn es waren in den letzten Wochen sehr wenige Superyachten hier und so gut wie keine Megayacht.

Die internationalen Sanktionen gegen russische Oligarchen haben für einen Exodus der Megayachten aus der Karibik gesorgt. Die Angst vor Beschlagnahmung war sicher sehr berechtigt, da viele Inseln eng mit Europa oder den USA verbunden sind.

Wir sprachen mit einigen Marina Mitarbeitern, mit Autovermietern und Yacht-Supplier in St. Martin und St. Barth. Nach deren Meinung sind mindestens 60 % aller Superyachten und fast alle Megayachten in russischen Händen.

Und da die sind nun alle weg sind, ist St. Barth wieder in der Hand normaler Segler. Die ein oder andere US-Yacht schaut vorbei, aber die sind selten dekadent groß. Klar ist eine 60-70 m Yacht riesig, aber es sind halt keine 120-130 m, wie die schwimmenden Burgen mancher Oligarchen.

Auf der Insel hat das plötzliche Verschwinden der Russen Spuren hinterlassen, aber ambivalente. Ökonomisch ist das ein harter Schlag, allein dem Hafen fehlen einigen Hundert Tage Liegegebühren. Dem Sozialleben und der Identität der Insulaner wird es vermutlich sehr guttun.

Den zahllosen Luxusläden fehlen die Kunden, in den Restaurants bekommt man problemlos einen Tisch und beim Weinhändler stapeln sich die Kisten von Chateau Petrus und Dom Pérignon. Die Dekadenz weicht gerade der Normalität.

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Ein Neuanfang?

Für St. Barth wird der Ukraine Krieg vermutlich einschneidende Konsequenzen haben. Immobilien, Luxusläden, Genussmittelläden und sicher auch die vielen Dienstleister und Handwerker – ihnen fehlt nun ein großer Teil der Klientel. Niemand mit dem wir sprachen rechnet mit einer Rückkehr zum business as usual in absehbarer Zeit. Wir sind vermutlich gerade Zeugen eines Neuanfangs. Da passt es perfekt, dass im April mit Xavier Lédée ein neuer Bürgermeister gewählt wurde, der die Weichen neu stellen kann.

Mitte des letzten Jahrhunderts wurde SBH eine Insel der Reichen. Rockefeller machte wie meist den Anfang. Es wurden luxuriöse Häuser gebaut, aber die meisten der Wohlhabenden integrierten sich in die Gemeinschaft der knapp 10.000 Einwohner. Dann kamen vor einigen Jahren kamen die Megareichen hinzu und das veränderte die Insel. Wir wissen alle, das Reichtum nicht zwangsläufig gutes Benehmen beinhaltet. Aber unmäßiger Reichtum offenbar unmäßiges Benehmen.

Uns wurde erzählt, dass sich diese Menschen selten integrierten und vielmehr häufig durch respektloses Verhalten auffielen, insbesondere deren Gäste. Eine Ladenbesitzerin berichtete uns, dass Roman Abramowitsch als Kunde sympathisch und respektvoll sei. Aber eine große Ausnahme. Sie erzählte von einem Kunden, der nicht mal mit ihr sprach, sondern nur schnodderig auf Dinge zeigt, die sie gefälligst einzupacken habe. Meist kam aber eh nur das Personal, die personal assistents erledigten die Banalität des Einkaufs.

Häuser gibt’s hier nicht unter 5 Mio USD, die Restos sind überteuert, Brot wird nicht gebacken, sondern in der Manufaktur „kreiert“ und in einer Strandbar gibt’s zum Lunch Weine ab 200 USD – natürlich auch einen Petrus für 20.000 USD. Vieles ziemlich absurd, noch.

Aber trotz des Schocks fühlten wir auch eine Art Erleichterung. Ein respektvoller Umgang, mit Anstand und Stil darf hier wieder einkehren. Und ich schätze auch, dass den Locals auch die zurechtoperierten Gespielinnen im Stadtbild nicht fehlen werden. Wir waren neulich Zeugen eines Fußballspiels in einer Bar, bei dem richtig normale Leute Real und ManU anfeuerten. Wie in einer ganz normalen Stadt.

Wir werden vermutlich in der nächsten Saison hier wieder stoppen. Dann wird ein halbes Jahr vergangen sein und ich bin sehr zuversichtlich, dass Gustavia dann noch liebenswerter sein wird. / Holger Binz

5 Kommentare zu „St. Barth“

  1. Very interesting post about St Barts & the impact of the missing Russians… bittersweet for the locals but good if they can find their own way. Laughed about the comment about Real & Man U. Pete hasn’t read the blog yet :D. We will be cheering for Real too for the final. You are both looking very relaxed and chilled, lovely to see. We are doing a little (I should say wee) bit of sailing this weekend, in Scotland. Chartered a little one for 3 days and then staying in cottage with hot tub for the next week up there. Good to get away from the house renovations and dust!! lots of love to you two xx

  2. Wieder einmal hat das Lesen Eures Berichtes Spannung und Erleichterung für uns als Leser rübergebracht. Ja eine Stahlwand mitten in der Nacht würde sicher keinen von uns ruhig schlafen lassen Erstaunlich wie Profis sich um “Andere” kümmern. Gut dass das Manöver keinen Schaden verursacht hat. wir wünschen Euch weiterhin nur Gutes und sind schon gespannt auf den nächsten Bericht. Liebe Grüße aktuell von Sardinien – morgen findet eine Besichtigung einer Beneteau Oceanis 50 statt. Wir müssen auch wieder aufs Wasser. Ganz liebe Grüße
    Jürgen und Angelika

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