English Harbor

Antigua – die letzte Insel 2021

Christmas Winds

Noch eine letzte Etappe lag in diesem Jahr vor uns. Die Strecke von Guadeloupe nach Antigua. Eine 75 nm lange Strecke nach Norden, davon 50 nm ohne Landabdeckung durch offene Passagen. Die Wettervorhersage trieb uns eine Woche früher los als geplant und wir verzichteten auf zwei weitere Stopps in Guadeloupe.

Der Grund für die eilige Abreise heißt „Christmas Winds“. Klingt nett, ist es aber nicht. Diese Winde sind die Passatwinde des Atlantiks, die in der Karibik auf Land treffen und umbenannt werden. Üblicherweise besuchen Sie die Inseln von Mitte Dezember bis Mitte/Ende Januar. Was die Segler auf dem Atlantik von Europa kommend erfreut, ist des Seglers Leid in der Karibik.

Exkurs: warum der gleiche Wind gut und schlecht sein kann

Der Grund für Freud oder Leid heißt Windwinkel und Düse. Wenn der Wind die gleiche Zugrichtung hat wie ein Segelschiff, von Ost nach West, dann sind 20-25 kn angenehm, weil sie von hinten schieben und auch die Welle meist von hinten, fast einen Knoten Fahrt schenkt. Angenommen der wahre Wind (true Wind) bläst mit 20 kn von hinten (raumer Kurs, downwind) und das Schiff ist 8 kn schnell, dann ist der scheinbare Wind (Apparent Wind) ca. 12 kn (20-8) – ein angenehmes Segeln mit vollem Tuch.

Wenn man aber gegen diesen Wind segelt, dann wird es unerfreulich. Zu den o. g. 20 Kn Wind wird der Speed von 8 kn addiert und ergibt einen apparent Wind von ca. 28 kn (Milchmädchen Vereinfachung). Und das gegen die Welle. Das ist unangenehm und bedeutet Segel reffen und holprige Fahrt. Je mehr Wind, je unangenehmer. Hinzu kommt, dass der Wind des Atlantiks in den Passagen zwischen den Inseln – die meist 25-40 nm entfernt liegen – gepresst wird und die Windgeschwindigkeit dadurch nochmals ansteigt. Gleicher Presseffekt gilt für Strömung und Wellen. Christmas winds

Tipp für Chartersegler: bedenkt die Christmas Winds bei euren Planungen. Je weiter südlicher, umso kräftiger sind die Winde, die auch mal locker über eine Woche richtig stark blasen können. Eine Törnplanung kann da schnell für die Tonne sein.

Christmas Winds vermeiden, soweit es geht

Während ich das schreibe, bläst der Wind bis 30 kn (7 Bft) in der geschützten Bucht von English Harbor. Draußen auf dem Meer sind das dann 8 Bft. Da wollten wir gegen den Wind nicht rein, deshalb die frühere Abreise. Also sind wir bei angesagten max. 22 kn los, die dann zu 28 kn wurden. Die versprochene 2 m Welle war ein Lockangebot und recht oft deutlich höher. Wir mussten uns die gesamte Strecke mit 45-60 Grad Amwind durchquälen, unterhalten durch 4 kräftige Squalls, die wie immer viel Extrawind und Regen brachten. Der ganze Tripp war eine einzige Reff Orgie. Bis über den Steuerstand mit Salz verkrustet, dockten wir die Rivercafe in Antigua. Wir sollten uns überlegen „Fleur de Sel“ Produzenten zu werden, Salz frisch vom Schiff. Oh was hatten wir keine Lust mehr. Aber es war gutes Timing. Seit wir in Antigua sind, wurde der Wind wie versprochen deutlich stärker. Christmas winds

wind chart

Das aktuelle Wind Chart. Grün oder gelb sind angenehm. Rot ist nicht gut, Dunkelrot wird übel 

Antigua und Feiertage Christmas winds

Nun also Antigua und Weihnachtspause. Die Insel spricht man übrigens „Antiga“ aus, das „u“ wird ausgelassen. Ca. 95.000 Menschen leben hier. Die Inzidenz liegt bei 29 und die Impfquote liegt über 60 %. Es ist ein fast normales Leben. Eine gute Entscheidung, hier hinzusegeln. In Guadeloupe revoluzioniert immer noch eine mickrige Minderheit und nervt die große Mehrheit der Bevölkerung. U. a. mit Separationsfantasien, die niemand ohne Selbstmordtendenzen unterstützt. Christmas winds

Und die schon beschrieben Weihnachts-Enthaltsamkeit hat sich nicht wesentlich verändert. Mit einer Ausnahme: wir besuchten ein Weihnachtssingen in „Les Saintes“. Es passiert mir selten, dass ich einen eindeutigen Superlativ benennen kann, aber das war definitiv das schlimmste Konzert meines Lebens. Lieb gemeint, aber gruselig. Das ganze Dorf stand irgendwann auf der Bühne, aber niemand hatte sich mit Proben gestresst. 10 Sänger sangen gleichzeitig 8 verschiedene Lieder und das noch richtig schlecht. Wir mussten in eine Bar flüchten.

Ziemlich traurig: Weihnachtsdeko vor dem Rathaus in Les Saintes

Also Antigua. Wir haben uns entschieden über Weihnachten in Nelsons Dockyard in English Harbor festzumachen. Das Main Dock ist aus uraltem Basaltstein gebaut. Schiffe müssen den Anker ausbringen und rückwärts festmachen, weil es keine Bug Moorings gibt. Gut abgefendert, stilecht wie 1725. Dafür hat es eine grandiose Atmosphäre und ist auch schon recht festlich.

Nelsons Dockyard

ist ein Weltkulturerbe inmitten eines Naturschutzgebiets. Lord Nelson himself, ließ das Dock 1725 bauen. Ein echter Hingucker, die alten Steinbauten und einmaligen Gebäude. Das finden auch viele Touristen, die den Dockyard besuchen und die rare Mischung spektakulärer Umgebung und traumhafter Schiffe genießen.

English Harbor. Oben Links: täglicher Touri Besuch, Oben rechts unten links: unsere Nachbarn. Unten rechts: English Harbor at night

Unsere Nachbarschaft hat sich sehr verändert. Es ist alles ein bisschen größer, sehr chic und elegant. Antigua ist ein sehr beliebtes Ziel für die schwimmenden Schönheiten der Welt. Von den Perlen der Meere berichten wir ein anderes Mal. / Holger Binz

 

Wetterbericht:

Temperatur Tag 29 Grad C, Nacht 24 Grad, Wind 5-7 Bft, regelmässig Regen, sonnig und wolkig – 3/8 bis 6/8, Sonnenaufgang: 6:27 h, Sonnenuntergang 17:35 h.

1 Kommentar zu „Antigua – die letzte Insel 2021“

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