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Revolution in Guadeloupe

Aufstand im Paradies

Schätze das wird der komplizierteste Artikel, den ich bisher in unserem Blog geschrieben habe. Und sicher auch der unlustigste. Heute geht’s nicht um Strände, Dschungel oder Schildkröten. Es geht um Trouble in Paradise: Aufstände in Guadeloupe. Gewalttätige Aufstände. Straßensperren mit brennenden Autos und Reifen legen das Leben lahm. Häuser wurden angezündet, Läden geplündert. Es gab Verletzte und auch Tote. Frankreich schickte Polizisten und Spezialeinheiten. Aufstand in Guadeloupe

Die Lage

Es sind erst ein paar Wochen vergangen, seit die C19 Ausgangs- und sonstigen Beschränkungen in Guadeloupe aufgehoben wurden. Die Inzidenz liegt noch heute um die 50, ein Traum für viele Länder. Und dass trotz einer niedrigen Impfquote von 40 %. Happy Days to come.

Aber schon wieder wird die nächste nächtliche Ausgangssperre ab 18.00 h verhängt. Die leichte wirtschaftliche Erholung wurde gleich wieder abgewürgt und der lebenswichtige Tourismus ruiniert. Aufstand in Guadeloupe

Nomineller Auslöser sind die neuen Covid Reglungen in Frankreich. Ungeimpfte wurden in selektiven Berufen suspendiert. 1.400 Impfunwillige NoVacs im öffentlichen Dienst. Grund für die Gewerkschaften zum Widerstand aufzurufen, zum Generalstreik.

Natürlich sind die Leute hier müde und frustriert wegen der C19 Krise. Viele werfen der Regierung Unehrlichkeit und Versagen vor. So wie in vielen anderen Ländern auch.

Hintergrund

Die Menschen in Guadeloupe haben Revolte fast als Tradition etabliert. Die letzte ist 12 Jahre her und der Generalstreik dauerte 40 Tage. Nicht zufällig, denn solange gilt die Lohnfortzahlung. Es ist quasi eine bezahlte Revolution – wenn man einen Job hat. Wäre also auch nicht verwunderlich, wenn es diesmal wieder 40 Tage dauert.

Auslöser war das Corona Programm der französischen Regierung. Aber die Krise hat mehrere Verstärker. Das Vertrauen in die Regierung in Paris ist sehr gering. Das hat Gründe, denn die Zentralregierung hat hier schon manche Böcke geschossen. Beispielsweise wurde ein krebserregendes Pflanzenschutzmittel erst Jahre nach dem EU-Verbot in Guadeloupe (und Martinique) verboten. Mit der Folge einer hohen Zahl von vermeidbaren Krebserkrankungen. Kein Wunder, sich hier viele Menschen als Franzosen zweiter Klasse fühlen. Und Graffitis wie „ici, c`est pas la France“ auftauchen. Aufstand in Guadeloupe

Es wird immer noch die alte Schuld der Sklaverei getriggert. Zweifellos ein schäbiges und menschenunwürdiges Kapitel der Geschichte. Noch heute reagieren die Locals aversiv auf Anweisungen aus Paris, mit Hinweis auf die Sklaverei des vorletzten Jahrhunderts. Das ein weißer Karriere Politiker Minister für die französischen Übersee Regionen sein muss, scheint mir dabei nicht wohl bedacht.

Fakt ist, dass die Locals keinen Bock darauf haben, aus dem 6.700 km entfernten Paris fremdbestimmt zu werden.

Ein weiterer Grund für den Terz sind die als zu hoch empfundenen Lebenshaltungskosten in Guadeloupe. Dagegen gibt’s schon lange Proteste. Und zur Abrundung gibt’s noch Ärger über die hohe Arbeitslosigkeit.

Mit diesem fatalen Mix haben nun die Profiteure die Kontrolle übernommen und die Frustrierten und Ungebildeten zur Gewalt aufgewiegelt. Aufstand in Guadeloupe

Persönliche Meinung Aufstand in Guadeloupe

Wie jeder Konflikt hat auch dieser mehrere Seiten. Sogar in Guadeloupe ist nicht alles wunderbar. Aber es ist vieles besser als auf anderen Inseln. Ich kenne keine karibische Insel mit einer besseren Infrastruktur, dank Pariser Finanzmittel.

Entgegen der vorherrschenden Meinung sind die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger als bei den Nachbarn. Und dazu von einer Auswahl und Qualität ohne Gleichen. Ein Besuch der Nachbarinseln würde diese falsche Annahme schnell widerlegen. Nicht umsonst kommen Segler auf diese Insel, um zu verproviantieren.

Bei der Arbeitslosenquote von 22 % sind Viele der Meinung, dass der Grund weitgehend ein Motivationsproblem ist. Hier gibt es das französische soziale Netz, das keine andere Insel hat. Ich kann das nicht beurteilen. Auf jeder Insel haben uns Leute angesprochen und nach Jobs gefragt. Nicht hier. Sogar die Obstverkäufer kommen den vielstündigen Weg von der Nachbarinsel Dominica, um ihre Ware zu verkaufen. Niemand aus Guadeloupe.

Nur zu oft verhält sich Paris immer noch wie ein alter Kolonialherr. Ungeschickt, wenig empathisch und überheblich. Nicht hilfreich für den Umgang. Aufstand in Guadeloupe

Mit scheinen sich Konfliktpartner gesucht und gefunden zu haben. Paris lehnt den Dialog ab, weil die Gewerkschaften die Gewalt nicht verurteilen. Die Gewerkschaften lehnen Gespräche ab, weil sie sich nicht respektiert fühlen. Mir scheint hier haben sich Tünnes und Schäl getroffen. Paris wird zwar abgelehnt, aber die Mittel werden dann noch auch gerne genommen.

Und dann war da noch Covid

Wie überall in der Welt, begann der Konflikt mit Wichtigmachern und Schwätzern, die mit dämlichen Storys Menschen von der Impfung abhalten wollen. Nicht der Virus, die Regierung wurde zum Feind.

Nun haben Kriminelle mit Raub, Bränden, Wegelagerei den Protest zur Farce gemacht. Was haben Plünderungen und Gewalt mit politischem Protest zu tun? Die Frustrierten werden mal wieder benutzt und bemerken es nicht. Es gibt auch reichlich friedliche Demonstrationen, aber verlieren ob der Gewalt an Kraft.

Frankreich will die Impfungen, deshalb werden sie abgelehnt. Nur hat das Virus nichts mit Paris zu tun. Diese Opposition ist kontraproduktiv, auch wenn die Regierung einen schlechten Job macht. Es geht um Individuen, um Nachbarn, Familie – die persönliche Existenzgrundlage. Nichtimpfung zur Abstrafung des Staates, scheint mir nicht sehr clever, auch wenn man seinem Staat nicht vertraut. Über lächerliches Verschwörungs-Geschwurbel will ich gar keine Worte verschwenden. Dieses dämliche Virus ist verdammt real und belastet unser aller Lebensgrundlage und Wohlbefinden. Das lässt sich leider auch nicht weg demonstrieren. Aufstand in Guadeloupe

Mir ist völlig unverständlich, dass sich die Leute nicht impfen lassen und sich dann wundern, dass ihre Jobs gefährdet sind. Bei der Entscheidungsfreiheit wird oft ausgeblendet, dass auch die Anderen frei in Ihren Entscheidungen sein dürfen.

Ich werde nicht vom einem ungeimpften Taxifahrer fahren lassen oder bei ungeimpftem Verkaufspersonal einkaufen. Das ist mein Recht einer freien Entscheidung. Mir scheint, dass viele NoVacs das Prinzip der Demokratie und Solidarität nicht verstanden haben.

Und warum nehmen Ungeimpfte bei einer Erkrankung des Gesundheitssystem in Anspruch? Ist das nicht unlogisch? Wie wäre es mit dieser Lösung: keine Impflicht und gleichzeitig keine Behandlungspflicht. Klar: Ethik. Aber wir glauben doch auch an Evolution. Wenn jeder für sich selbst entscheiden soll, dann auch mit allen Konsequenzen.

riots guadeloupe riots house

Quelle: media photos: FrenchDailyNews, La Presse, Ouest-France

Die Lage für uns

Wir sind im Moment in der Marina von Point à Pitre und fühlen uns sicher. Wir konnten einen Mietwagen mieten und unsere Dinge tagsüber unbehindert erledigen. Die Geschäfte haben geöffnet und in manchen Teilen der Insel bemerkt man nichts. Vor anderen Regionen wird dringend gewarnt. Die eigentliche Randale beginnen nachts, trotz Ausgangssperre.

Sobald die Arbeiten an der Rivercafe beendet sind, werden wir die Hauptinsel verlassen. Auf den Inseln um Guadeloupe gibt es keine Spannungen.

Ich hoffe die Menschen in Guadeloupe und im Rest der Welt kommen bald wieder zu sich kommen und hören auf sich trotz unterschiedlicher Meinungen wie aggressive Steinzeitmenschen zu benehmen. Die Welt ist einfach zu schön und das Leben ist zu kurz für solchen Blödsinn. Und wir leben alle auf der gleichen Welt. / Holger Binz

 

Wetterbericht:

Den lassen wir diese Woche ausfallen.

4 Kommentare zu „Revolution in Guadeloupe“

  1. Hallo Holger,
    Vielen Dank für deinen Bericht! Wir hatten ab Mittwoch einen zweiwöchigen Urlaub auf Guateloupe gebucht und sind stark verunsichert, ob wir alles canceln sollen oder das Beste daraus machen. Was würdest du uns empfehlen? Sind viele andere Touristen auf dr Insel? Fühlt man sich einigermaßen sicher? Die erste Woche wären wir bei Saint Francois und die zweite Woche in Deshaies.

    Viele Grüße, Jörg

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