Saisonbeginn

Saisonbeginn: von Vorbereitungen und dem Job Dilemma

Ich kenne eigentlich keine Segler, die es tatsächlich bis zum Ende der Hurricane Season aushalten. Mit einem Schiff so lange an einem Ort festzusitzen, widerspricht vermutlich der DNA von Reisenden mit schwimmenden Untersätzen. Ab Oktober starrt der normale Segelbekloppte gebannt auf die Hurricane Tracker, in der Hoffnung keine Anzeichen von Depressionen auf dem Atlantik zu finden. Und so packen viele ihr Therapieinstrument – häufig eine Ukulele – schon Anfang November weg, um einen Monat vor dem Ende der Hurricane Season aufbruchbereit zu sein. Saisonbeginn

Die Insulaner der Inseln über und unter dem Wind, aber auch alle Segler, können bald das Glas auf eine erfreulich friedliche Hurricane Season heben. Alle Häuser stehen noch und die Masten zeigen nach oben. Die letzten zwei Wochen werden das hoffentlich nicht mehr ändern.

Fast in jedem Geschäft gibts ein Regal mit Hurricane Notfall Vorräten

Schiffsvorbereitung für die Saison

Als wir nach St. Lucia zurückkehrten, verbrachten wir ein paar Tage damit, die Spuren des Rumliegens von unserem Schiff zu entfernen und die Rivercafe startklar zu machen. Mangroven und Bäume hatten reichlich Spuren an Deck hinterlassen. Sonne, Wind und Regen nagten an allen möglichen und unmöglichen Teilen und forderten einen Austausch. Saisonbeginn

Für viele Arbeiten stehen Arbeitssuchende bereit, aber dazu später mehr. Es war uns wichtig die Rivercafe selbst vorbereiten, um zu sehen, ob sie in gutem Zustand ist. Saisonbeginn

Vor dem Saisonstart checken wir das komplette Schiff. Rigg und Segel, Schoten und Fallen, die Motoren – auch von Beiboot und Generator. Möglicher Rost an Metallteilen wird entfernt. Fittings werden kontrollieren und alles, was von der Natur angenagt oder hingerafft wurde, muss ersetzt werden. Dann werden alle Filter gewechselt, der Watermaker überprüft, der Tauchkompressor ebenso und alle möglichen Dichtungen gefettet. Weiter geht’s mit der Software. Das Betriebssystem der Navigation und alle Controller updaten, die Abos der Navigationskarten verlängern, die digitalen Seekarten aktualisieren. Und sich dann überraschen lassen, ob alles funktioniert.

Als wir die Motoren starteten und die Marigot Bay nach 4 Monaten verließen, liefen unsere Schiffsschrauben bemerkenswert unrund. In der Rodney Bay warfen wir Anker und schnallten uns die Taucherflaschen auf den Rücken: für die Inspektion des Unterwasserschiffs und der Schrauben. Saisonbeginn

Unser Unterwasserschiff sah auch in der zweiten Saison nach dem letzten Anstrich klasse aus, dank der Mangroven an unserem Liegeplatz und einem guten Antifouling. Die Schrauben unserer beiden Motoren hingegen, waren zentimeterdick mit Muscheln bewachsen. Das Zeugs geht nur widerwillig und mit grober Gewalt ab. Eine halbe Flaschenfüllung später war der Unterwasserkampf beendet und alles lief wieder rund.

 

Zahn der Natur, Innenleben, Bilgecheck, Tischpflege

Das Helfer Dilemma

Auf den meisten Inseln der Karibik, gibt es sehr wenig Arbeit. Mit Ausnahme der französischen Inseln, klopfen auf den Inseln täglich Leute an, die hoffnungsfroh Yachties ihre Dienste anbieten. Meist Hilfsarbeiten wie putzen oder Unterwasserschiff reinigen.

So sehr wir die Notwendigkeit sehen Jobs zu vergeben und so gerne wir das auch tun um etwas zurückzugeben, hat die Sache einen Haken. Viele haben nicht die geringste Ahnung von dem, was sie tun und würden es auch nie zugeben. Die Jungs (und selten Mädels) schrubben sicher alles weg, was ins Auge fällt. Für die Eigner bleiben oft die Kosten und teures Lehrgeld. Saisonbeginn

Ich beginne gleich mit einer Ausnahme: Francis. Wir trafen ihn in der Marigot Bay und konnten sehen, wie sorgfältig und erfahren er mit „seinen“ Schiffen umging. Auch bei der Rivercafe machte er während unserer Abwesenheit einen tollen Job.

Eher die Regel war diese Begebenheit. In St. Lucia kam ein sympathischer Typ zu uns, um uns die Reinigung des Schiffsbodens anzubieten. Er hätte viel Erfahrung würde das ganz vorsichtig machen, für nur 350 US-Dollar. Dann zeigte er uns sein Werkzeug und grobe Schwämme, die nicht nur jeden Schmutz weggeschmirgeln, sondern auch dem Unterwasseranstrich endgültig den Gar ausmachen würden. Damit hätte man dann wöchentlich den Rumpf reinigen müssen, bis zum nächsten Unterwasseranstrich. Das Angebot hätte uns locker um die 10.000 Euro gekostet.

Für 20 USD die Stunde kann man zumindest die Putzarbeiten erledigen lassen. Bei einem Monatseinkommen von 750 USD in St. Lucia, kann ein Helfer mit einem langen Schrubbtag ein Drittel eines Monatseinkommens verdienen. Es bleibt ein Rätsel, wie man davon im teuren St. Lucia leben soll, aber das ist ein anderes Thema.

Nicht ganz unbegründet ist meine Vermutung, dass die Stundensätze zwischen Locals deutlich günstiger sind. Aber was soll´s, Yachties sind Einnahmequellen. Falls man das Angebot annimmt, sollte man unbedingt selbst die Reinigungsmittel bereitstellen. Falls nicht kommt auch mal vor, dass „supersauber“ geputzt ist. Der Helfer geht strahlend ob des tollen Jobs von Bord und der Eigner hat im nächsten Monat ein ruiniertes und stumpfes Gelcoat, weil die Reinigungsmittel zu aggressiv waren.

Mehr Hebel für Schäden haben die Handwerker für Elektrik und Mechanik. Wenn ich mich bei Elektrik besser auskenne als der Fachmann, dann ist Alarm angesagt. Dem Versprechen das Problem zu lösen, folgt häufig eine noch größere Baustelle und eine fette Rechnung – ohne Rechnung. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Tekkis mit Kenntnissen eh nicht am Schiff klopfen und nach Arbeit fragen. Die sind schwer zu finden und noch schwerer einen Termin zu bekommen. Der Tipp ist vor allem die ARC-Segler kosten- und stresssparend. Denn gerade in der Rodney Bay bieten viel Clowns ihre Leistungen an und versprechen den erschöpften Skippern alle Probleme zu lösen.

Wieder Zeit für solche Anblicke

Im Wissen, dass die Rivercafe gut vorbereitet ist auf die neue Saison, erledigten wir unseren Papierkram und verabschiedeten uns von St. Lucia. Das war eine sehr gute Wahl für die Hurricane Season. Aber es wird Zeit für Neues: das Ziel dieser Saison sind die Turks & Caicos und die Bahamas, vermutlich auch Florida.

Wir sind nun auch dem Weg nach Norden. Martinique, Dominica und Guadeloupe haben wir schon angelaufen. Wie so oft waren einige Tripps grandios, andere „charakterbildend“. Was auch immer kommt, es ist eine Freude endlich wieder unterwegs zu sein. / Holger Binz

2 Kommentare zu „Saisonbeginn“

  1. Holger, du schreibst so unterhaltend, es ist jedes Mal eine Freude, eure Beiträge zu lesen.
    Ich wünsche euch eine wundervolle und erlebnisreiche neue Saison.
    LG Vroni

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top